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Art x Science Office

Partizipative Sprachdokumentation für vergleichende Forschung

participatorylanguagedocumentation

Welche sprachlichen Merkmale finden sich wo, wann, und warum?

 

Sprachen aus allen Gegenden der Welt bilden die Grundlage der vergleichenden Sprachforschung. Der ideale Weg an natürliche Sprachdaten zu gelangen ist durch grösstmögliche Partizipation der Sprecherinnen und Sprecher.

Die vergleichende Sprachforschung beschäftigt sich mit der weltweiten Verteilung sprachlicher Merkmale. Ziel der Forschung ist es, Antworten auf die Fragen zu finden, welche Merkmale sich wo finden, wie die Merkmale sich verändern, und was sie uns über die Entwicklung der Sprache(n) sagen können.

Das Rohmaterial der linguistischen Forschung sind Daten, die in allen Gegenden der Welt gesammelt werden. Von den ca. 7000 heute gesprochenen Sprachen könnte die Hälfte innerhalb der nächsten 100 Jahre verschwinden. Dies macht die Aufgabe der Datensammlung im Feld umso dringlicher. Da Sprachen immer Ausdrucksmittel und Teil einer bestimmten Kultur sind, ist es wichtig, so viel wie möglich vom sozialen, ökologischen und kulturellen Kontext der Sprachgemeinschaft mit zu dokumentieren. Deswegen ist die aktive Teilnahme der Sprecherinnen und Sprecher von grosser Wichtigkeit. Die Mitarbeit der Sprecherinnen und Sprecher beschränkt sich nicht auf ihre Funktion als Informantinnen und Informanten, sondern schliesst auch die Mitarbeit beim Sammeln von Geschichten ein, ebenso wie das Dokumentieren von Gesprächen, Liedern, Ritualen und alltäglichen Tätigkeiten. Sie helfen mit beim Transkribieren und Analysieren der Aufnahmen und liefern zusätzliches Material und Worterklärungen. In vielen Fällen sind Forschende auf die Hilfe bei der korrekten kulturellen und gesellschaftlichen Deutung des Sprachmaterials angewiesen.

Forschende können ihrerseits der Sprachgemeinschaft helfen, ihre Sprache zu pflegen und erhalten. Das gesammelte Material kann in geeigneter Form für die Sprecherin bzw. den Sprecher zugänglich gemacht werden, zum Beispiel in Form von Wörterbüchern, Sammlungen von Geschichten, oder grammatikalischen Beschreibungen für den Unterricht. Damit kann ein Beitrag dazu geleistet werden, dass die Sprache an die folgenden Generationen weitergegeben wird. In vielen Fällen setzt dies zuerst die Entwicklung einer passenden Orthographie voraus. Mit moderner Technologie lassen sich kostengünstig umfangreiche Datensammlungen wie illustrierte und interaktive Enzyklopädien herstellen und online zugänglich machen. Durch die Mitarbeit an linguistischen Projekten entdecken die Sprecherinnen und Sprecher häufig ihr Interesse an ihrer eigenen Sprache und sehen deren Bedeutung in einem weiteren Kontext. Dies kann zu einem nachhaltigen Schutz bedrohter Sprachen durch die Sprecherin bzw. den Sprecher selbst führen.

Das Sammeln von natürlichen Sprachdaten ist nur mit der aktiven Mitarbeit der Sprachgemeinschaft möglich. Die Hilfe der Muttersprachlerinnen und -sprachler ist von grundlegender Bedeutung beim Sammeln und analysieren des Materials. Nur durch intensive Diskussion mit Muttersprachlerinnen und -sprachlern über Bedeutung und Korrektheit verschiedenster Sätze und Ausdrücke kann der Forschende zu einer grammatikalischen Analyse der Sprache kommen und spezifische Hypothesen über deren Struktur abklären. Das intuitive Wissen der Sprecherin bzw. des Sprechers ist hierbei unabdingbar. Die Muttersprachlerinnen und –sprachler spielen auch eine wichtige Rolle in der Aufbereitung des gesammelten Materials für den Gebrauch in der Sprachgemeinschaft. Durch diese Mitarbeit entwickeln sie oft ein grösseres Interesse an ihrer Muttersprache und setzen sich für deren Erhalt ein.

Resultate:
Die Standardtheorie der Linguistik geht davon aus, dass Morpheme innerhalb eines Wortes eine festgelegte Reihenfolge haben. Im deutschen Wort sag-te können die Bestandteile nicht anders angeordnet werden, *te-sag ist nicht möglich, ausser wenn die Verschiebung der Elemente auch eine Bedeutungsänderung mit sich bringt (inter-sub-national vs. sub-inter-national). Im Laufe der Feldforschung in Nepal insistierten Chintang-Sprecherinnen und -sprecher, dass in ihrer Sprache die Morpheme im Wort verschoben werden könne, ohne dass sich damit die Bedeutung ändert. Nach viel skeptischer Diskussion wurde gezeigt, dass die Intuition der Sprecherinnen und -sprecher richtig war, und die Sprachtheorie musste revidiert werden.

 

Projektbeteiligte:

Institut für Vergleichende Sprachwissenschaft der Universität Zürich

Prof. Dr. Balthasar Bickel, Prof. Dr. Sabine Stoll, Dr. des. Per Baumann, Dr. des. Damián Blasi, Aitor Martinez Egurzegi, Dr. Francesco Gardani, Dr. Rik van Gijn, Dr. Mathias Jenny, Dr. Dagmar Jung, Dr. Patrick McCormick, Dr. Steven Moran, André Müller, Dr. Sebastian Sauppe, Dr. Robert Schikowski, Dr. des. Sascha Völlmin, Dr. Géraldine, Walther, Rachel Weymuth, Dr. Manuel Widmer

 

Graphiker:

Lisa Senn und Michael Koller