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Sprachen lernen

Wie Kinder maximal unterschiedliche Sprachen lernen

acqdiv

Welche allgemeinen kognitiven Mechanismen erlauben es Kindern, jede Sprache der Welt zu lernen?

 

Kinder sind im Spracherwerb deshalb so flexibel, weil dieser auf einigen wenigen universellen kognitiven Mechanismen beruht, die ihn zu unterschiedlichen Zeiten auf unterschiedliche Weise strukturieren.

Ein Kind kann jede Sprache lernen, gleich, wie „schwierig“ sie ist. Angesichts der riesigen Unterschiede zwischen den Sprachen der Welt ist dies erstaunlich. Die Hauptfrage, die sich das Projekt ACQDIV (Acquisition processes in maximally diverse languages) stellt, lautet daher: Welche universellen Mechanismen ermöglichen einen gleich raschen Erwerb aller bekannten Sprachen?

Um diese Frage zu beantworten, analysieren wir Daten aus elf Sprachen (Chintang, Cree, Dene, Indonesisch, Inuktitut, Japanisch, Rätoromanisch, Russisch, Sesotho, Türkisch, Yucatec). Die Stichprobe ist so gewählt, dass die Diversität darin maximal ist, was durch eine Clusteranalyse auf der Grundlage einer grossen typologischen Datenbank erreicht wurde. Es ist kein Zufall, dass sich in unserer Auswahl viele kleine, kaum bekannte Sprachen finden – erst durch deren Einbezug kann die ganze Bandbreite menschlicher Sprache abgedeckt werden.

ACQDIV nutzt nicht nur vorhandene Daten, sondern baut auch selbst Sprachkorpora auf. Die oben genannten Korpora des Chintang und des Russischen sind bereits abgeschlossene „In-house-Korpora“. Die Korpora des Dene und des Rätoromanischen werden hingegen jetzt gerade in La Loche (Saskatchewan, Kanada) bzw. Sedrun (Graubünden, Schweiz) kompiliert, unter Beteiligung zahlreicher Kinder wie auch erwachsener Sprecher_innen.

An diesem Punkt kommt Citizen Science ins Spiel. Unsere Primärdaten sind Multimediaaufnahmen von natürlichen Situationen, in denen Kinder Sprache lernen. Um diese Daten nutzbar zu machen, müssen sie transkribiert, übersetzt und Wort für Wort annotiert werden. Dieser Prozess ist zum einen schwierig, weil wir selbst die meisten Sprachen im Sample nicht sprechen – wir sind also immer auf die Hilfe von Muttersprachler_innen angewiesen. Zum anderen kann in eine einzige Minute Aufnahmen bis zu eine Stunde Arbeit fliessen – bei mehreren hundert Stunden Aufnahmen, wie sie heute für ein typisches Korpus anfallen, bedeutet das viele Jahre Arbeit und erfordert die Mitarbeit zahlreicher Personen.

Konkret arbeiten wir in folgenden Punkten mit Muttersprachler_innen zusammen:

Im Chintang-Korpus wurden einige Aufnahmen sowie alle Transkriptionen und Übersetzungen von Muttersprachler_innen angefertigt. Von der Bezahlung konnten sich im Lauf des Projekts 15 junge Mitglieder der Sprechergemeinschaft ein Studium finanzieren.

In den im Aufbau begriffenen Korpora Dene und Rätoromanisch werden zusätzlich auch fast alle Aufnahmen von angestellten Muttersprachler_innen durchgeführt. Hierbei handelt es sich in den meisten Fällen um die Mütter der untersuchten Kinder, die so nicht nur finanzielle Unterstützung erhalten, sondern auch die Möglichkeit, sich weiterzubilden (z.B. im Hinblick auf Sprachunterricht).

Um künftig mehr Personen dazu zu bewegen, sich am besonders zeitaufwändigen Prozess des Transkribierens zu beteiligen, planen wir aktuell mit Studierenden der ZHdK die Entwicklung eines Serious Game. Der Einsatz könnte z.B. – nach Abklärung ethischer Fragen – im Rätoromanisch-Teilprojekt getestet werden.

ACQDIV arbeitet in mehreren Projekten aktiv mit Sprechern und Sprecherinnen der erforschten Sprachen zusammen, um Daten zu erheben, zu transkribieren und zu übersetzen. So wird eine Brücke zwischen den beiden Gruppen geschlagen, die dem Austausch von Wissen und Sichtweisen in beiden Richtungen dient.

 

Projektbeteiligte:

  • Institut für Vergleichende Sprachwissenschaft, Psycholinguistisches Laboratorium, Universität Zürich
  • Projektleitung: Prof. Dr. Sabine Stoll
  • Projektangestellte an der UZH: Dr. Dagmar Jung, Dr. Steven Moran, Dr. Robert Schikowski, Damián Blasi, Jekaterina Mažara, Dr. Géraldine Walther, Dr. Claudia Cathomas, studentische Assistenzen
  • Kooperationspartner und affiliierte Institutionen rund um die Welt
  • Finanziert durch ERC-Grant und SNF-Projekt.

 

Graphiker:

Lisa Senn und Michael Koller